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VDE Glasfaser-Experte: „Telekom-Branche muss Breitbandversorgung visionär angehen!“

Exklusiv-Interview mit Godehard Walf*

Foto: HHI
VDE-Experte für Glasfaser: Godehard Walf vom Heinrich-Hertz-Institut Berlin

Frankfurt M./Berlin, 19.09.08-06:00 – Breitband in Deutschland, das bedeutet vielerorts noch warten auf DSL und die Debatte: Reicht ein Anschluss mit 1 Mbit/s als Grundversorgung aus, oder sollen es vielleicht doch gar 2 Mbit/s sein? Gleichzeitig bieten erste Regio-Carrier und Kabelnetzbetreiber ihren Kunden über den Glasfaseranschluss bereits 30 oder 100 Mbit/s zu normalen DSL-Marktpreisen an. „Die Vision von Breitband in Deutschland muss lauten 1 Gbit/s für alle!“, erklärt Glasfaser-Experte Godehard Walf vom Berliner Heinrich-Hertz-Institut dagegen im Interview mit Portel.de. Walf organisiert vor Ort in Berlin den 3. Breitbandkongress der Informationstechnische Gesellschaft im VDE (ITG/VDE, 1./2. Oktober 2008) zum Thema „Breitbandversorgung in Deutschland – mehr Bandbreite für alle?“ mit Vorträgen von namhaften Vertretern von Netzbetreibern, Herstellern, Ministerien und F&E-Einrichtungen. Das Gespräch führte Georg Stanossek.


Portel.de: Herr Walf, wem sonst, wenn nicht Ihnen als wissenschaftlichem Experten, könnte man diese Frage besser stellen: Wieweit sind Ihrer Einschätzung nach DSL, TV-Kabel, UMTS-Mobilfunk, Satelliten-Beitband und WIMAX konkurrierende bzw. ergänzende Technologien für die Breitbandversorgung?
G.Walf: Man muss unterscheiden zwischen dem Festnetzanschluss und dem drahtlosen bzw. mobilen Anschluss. 'Echte' Bandbreite kann nur mit einem Festnetzanschluss auf FTTx-Basis bereitgestellt werden. Die genannten Techniken sind als Übergangslösungen zu einem späteren Faseranschluss anzusehen, um damit sehr schnell den Teilnehmern etwas mehr Bandbreite zur Verfügung stellen zu können. Hierbei wird man jeweils die Technik wählen, die nach den örtlichen Gegebenheiten am günstigsten und am besten geeignet ist. Im Hinblick auf die Datenrate hat das TV-Kabel noch das größte Potential. Wie weltweite FTTx-Projekte aber auch mittlerweile FTTx-Projekte in Deutschland zeigen, führt am Faseranschluss kein Weg vorbei. Gerade im letzten Jahr hat sich hierzu in Deutschland sehr viel getan und es stellt sich die Frage, ob es wirtschaftlich noch Sinn macht, in anderen Techniken zu investieren. Hiervon ausgenommen ist selbstverständlich der breitbandige Mobilfunk, der in den nächsten Jahren stark zunehmen wird.


Portel.de: Welche Rolle spielen die öffentlichen WLAN-Hotspots (ca. 13.000 in  Deutschland) für die Breitbandversorgung heute und auf lange Sicht?
G.Walf: Für die Breitbandversorgung von Büro und Wohnung werden die WLAN-Hotspots keine Rolle spiele, aber selbstverständlich für eine Breitbandigere Kommunikation im öffentlichen Raum.

Portel.de: Femtocell soll UMTS in die Gebäude bringen. In welchen Bereichen und ab wann rechnen Sie hier mit nennenswerten Nutzerzahlen?
G.Walf: Je höher die Bandbreite in Mobilfunknetzen sein sollen, desto kleiner müssen die Zellen (Pico-/Femto-Zellen) ausgelegt werden. Zur Vernetzung der Zellen bzw. Basisstationen ist ein leistungsfähiges Festnetz erforderlich, im besten Fall ein Glasfasernetz. Welche Technik zur drahtlosen Kommunikation im Gebäude eingesetzt werden wird, muss dann die Entwicklung zeigen. Grundsätzlich wird diese Technik kein Ersatz für eine zwingend notwendige breitbandige Festnetzinfrastruktur im Gebäude sein, die zukünftig Datenraten von 100 Mbit/s bis zu 1 Gbit/s und darüber transportieren muss.


„Die Debatte um den
2 Megabit-Anschluss als Breitband-Grundversorgung
ist befremdlich!“

Portel.de: 1 Gbit/s hört sich etwas jenseits von Gut und Böse an. Ein 2 Mbit-Anschluss reicht doch heute im normalen Haushalt als Grundversorgung für Telefon, Internet und Video-Download völlig aus. Das sagen jedenfalls die meisten Netzbetreiber und auch die Regulierungsbehörde ...
G.Walf: Ich finde es sehr befremdlich zu sehen, wie das Thema Breitband hierzulande diskutiert wird. Ich habe einfach kein Verständnis dafür, dass man hier in Deutschland die 384 kbit/s hernimmt – also die niedrigste Downloadrate von UMTS, diese zu Breitband erklärt, um das Land dann als weltweit Spitze in der Breitbandversorgung zu verkaufen. Für Kunden, die kein DSL haben, hören sich auch 2 Mbit/s vielleicht phantastisch an. Aber auch dieser Maßstab ist Gift in der Breitband-Küche! Das ist, als ob Sie sagen: eine  fingerdicke Wasserleitung reicht für die Wasserversorgung eines Wohnhauses doch aus, damit die Leute kochen können. Das mag ja sein, aber duschen Sie mal damit! Tatsache ist: Im weltweiten Vergleich taucht Deutschland in der Statistik des FTTH-Council unter den Ländern mit der höchsten Glasfaser-Dichte Ende 2007 überhaupt nicht auf.


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Top-Liste der mit Glasfaser versorgten Länder Ende 2007
(Quelle: FTTH Council www.ftthcouncil.org, Febr. 2008)
01 - Südkorea
02 - Hongkong
03 - Japan
04 - Schweden
05 - Taiwan
06 - Norwegen
07 - Dänemark
08 - USA
09 - Slowenien
10 - Island
11 - China
12 - Niederlande
13 - Singapur
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Portel.de
: Aber wofür brauchen Sie und ich 100 Mbit/s und mehr am Telefonanschluss?
G.Walf: Da fallen mir gleich zahlreiche Argumente ein. Nehmen wir nur einige prägnante Beispiele, wie etwa die Nutzung von Film und Video über das Internet. YouToube ist ja nur der Anfang. Denn jedes Reiseportal wird seine Urlaubsorte künftig auch per Filmmaterial präsentieren wollen, wenn erst einmal eines damit angefangen hat – und möglichst hochauflösend natürlich. Beim Wechsel von Film zu Film braucht es dann zusätzlich noch viel schnellere Reaktionszeiten. Untersuchungen haben gezeigt, dass für Endnutzer die Toleranzgrenze beim Zappen über IP-TV bei etwa einer halben Sekunde liegt.

Für Unternehmen ist Breitband schon heute einer der wichtigsten Standortfaktoren. Einer Untersuchung von Ernst & Young zufolge (Standort Deutschland 2006) liegt der Faktor „Infrastruktur Telekommunikation“ in der Wunschliste der Unternehmen bei der Standortauswahl auf Platz 4 gleich hinter „Transport und Logistik“, „Arbeitskosten“ und „potenziellen Produktivitätszuwächsen“ und damit noch vor der „politischen Stabilität“ und den „Steuerlasten“ am Ort. Selbst große Unternehmen beispielsweise verlegen ihren zentralen Firmenserver auch gerne aufs Land, wenn sie dort bei einem Regio-Carrier über die bessere Anbindung ans Netz verfügen.

Auch für den Bewerber um eine Stelle kann es heute wegen der zunehmenden Verlagerung von Jobs an den Arbeitsplatz zuhause ausschlaggebend sein, dass er daheim über eine schnelle Internetanbindung verfügt. Insbesondere beim Update von Programmen am Rechner sind schnell einmal mehrere hundert Megabit fällig. Dann ist der Arbeitsplatz im Zweifelsfall stundenlang blockiert. Gerade für Telearbeiter ist es auch sehr wichtig, über einen schnellen Upload zu verfügen, was bekanntermaßen bei den meisten Anschlussarten hierzulande nicht der Fall ist.

Bliebe als weiteres und zunehmend wichtiges Argument für eine möglichst hohe Übertragungsrate noch das Thema Energieeffizienz. Man rechne nur einmal durch, was es - ganz abgesehen von der Zeit und den Kosten - aus energiewirtschaftlicher Sicht bedeuten würde, wenn wir den überwiegenden Teil unserer Firmenmeetings per Videokonferenz durchführen würden, statt durch die Welt zu jetten. Das geht aber nur mit einer ausreichenden Bandbreite. Und vor allem daran scheitert die Videokonferenz-Technik zurzeit.

Und auch im Kleinen müssen wir möglichst energiesparende Lösungen finden. Der Hauptstromerverbrauch in den Telekommunikationsnetzen erfolgt in den Zugangs- und Inhouse-Netzen, also direkt am Kundenanschluss. Der Energieverbrauch von Glasfasersystemen ist da teilweise deutlich niedriger als das Kupfer-Equipment. Auch für die Infrastruktur innerhalb der Gebäude müssen noch effiziente Lösungen gefunden werden. Denn hochgerechnet auf 40 Mio. Haushalte kommt da einiges zusammen.

 


Produktmodule "Ruhrpower"
Glasfaseranschluss der Stadtwerke Schwerte
www.zukunft-beginnt.de 


Portel.de: Aber muss es denn unbedingt Glasfaser sein? VDSL bringt es doch auch auf der Kupferleitung auf bis zu 50 Mbit/s.
G.Walf: VDSL ist eine Übergangslösung, die für die Netzbetreiber eventuell noch interessant ist, die bereits eine Kupferinfrastruktur besitzen – also vor allem die ehemaligen Monopolisten. Für neue Netzbetreiber macht nur der Einsatz der Glasfaser einen Sinn, wie auch die Praxis beispielsweise bei Netcologne in Köln, M-Net in München, Hansenet und Wilhelm-Tel in Hamburg oder - den Stadtwerken Schwerte - zeigt, wo die Kunden heute schon einen 100 Megabit-Anschluss zum normalen Preis bekommen. In  Amsterdam, wo zur Zeit der Glasfaserausbau bis zu jedem Haus erfolgt, sind Tests  mit 1 Gigabit pro Sekunde angekündigt. Und es zeichnet sich in bestimmten Bereichen auch ein Bedarf an Bandbreiten bis 10 Gigabit pro Sekunde ab, die in der Netzplanung natürlich mit berücksichtigt werden müssen.

 

"Wir haben nicht den geringsten Grund,
uns zurück zu lehnen!"

 

Das heißt: wir haben hier überhaupt keinen Grund, uns zurück zu lehnen und über eine Flächenversorgung in 2025 zu diskutieren! Mit Kleinklein kommen wir da nicht weiter, sondern nur mit Visionen. Die elementaren Fragen zur Breitbandversorgung unseres Landes lauten erstens: Welche Datenraten brauchen wir kurz-, mittel- und langfristig, um im internationalen Vergleich als Standort mithalten zu können? Wir müssen uns dabei genau überlegen, was wir heute an Infrastruktur in die Erde graben – die gute alte Kupferleitung nutzen wir ja übrigens auch schon seit rund 100 Jahren. Und zweitens: Wie stellen wir eine möglichst breite Versorgung unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten sicher? Mit so einer Denke werden wir erfolgreich sein, denn: technisch können wir das!

Ich bin davon überzeugt, dass Deutschland vor allem in den Bereichen, in denen es seine Stärken hat, international eine Vorreiterrolle übernehmen muss - wie beispielsweise in den IT- und Telekommunikationstechniken.  Dabei wäre es ja schon einmal ein erster Ansatz, wenn wir uns im Ausland abschauten, was dort gemacht wird.


Portel.de: Zur Schließung der weißen Flecken in der Breitband-Landkarte stellen die EU sowie Bund, Länder und Gemeinden Fördermittel im dreistelligen Millionen-Bereich bereit. Wie sollten die Mittel Ihrer Einschätzung nach am sinnvollsten verwendet werden?
G.Walf: Ganz klar: Die Mittel sollten ausschließlich für den Aufbau von Glasfaser-Zugangsnetzen eingesetzt werden.


Portel.de: Noch ein paar Fragen zu der Veranstaltung selber: Wie viele Teilnehmer erwarten Sie und wie setzt sich der Teilnehmerkreis zusammen?
G.Walf: Wir gehen von 150 bis 180 Teilnehmer aus mit Vertretern aus Politik und Regierung, Verbänden, Consulting-Unternehmen, Netzbetreibern, Netzausrüstern und der Wissenschaft.


Portel.de: Welche Ergebnisse erhoffen Sie sich von der kommenden Veranstaltung?
G.Walf: Ich erhoffe mir vor allem einen Überblick über den aktuellen Stand der Breitbanddiskussion sowie den Stand und die Planung beim „Roll Out“ von Breitbandzugangsnetzen. Ich erhoffe mir ferner, dass die große Diskrepanz in der Meinung, was Breitband ist, zugunsten der Einsicht abgebaut wird, dass wir sehr bald Datenraten von 100 Mbit/s und mehr benötigen werden.

 


Portel.de: Sie sind in den Breitband-Kongress vor allem über Ihre Tätigkeit in der ITG eingebunden, der Informationstechnische Gesellschaft im VDE. Was sind das für Menschen, die man dort trifft?
G.Walf: In den VDE-Fachgesellschaften, -bereichen, -ausschüssen und Fachgruppen sind alle namhaften Unternehmen und Organisationen aus Deutschland vertreten, mit vielfältigen Kontakten auch ins Ausland. Im Unterscheid zu anderen Organisationen und Verbänden begleitet die ITG die Telekommunikationsbranche von wissenschaftlicher Seite und von der technischen Normung her. Insbesondere in den Fachgruppen, wie beispielsweise unsere ITG-Fachgruppe 5.2.5 „Access and Home Networks“, die den Breitbandkongress mit organisiert, kann es da schon einmal sehr detailliert fachlich zur Sache gehen.

Aber wo sonst außer im VDE haben Sie Gelegenheit, so viel geballtes Expertenwissen außerhalb der Unternehmensgrenzen auf Arbeitsebene an einen Tisch zu bekommen? Man ist dann auch bei erst noch kommenden Fachthemen immer sehr schön am Puls der Zeit, weil man durch die Mitarbeit in den Gruppen in die Kommunikation eingebunden ist – das gilt übrigens auch schon für Studenten. Insbesondere ihre jungen Kollegen sollten die Führungskräfte in den Unternehmen daher laufend motivieren und ggf. freistellen, stellvertretend hier mitzuarbeiten. Denn am Ende profitiert das Unternehmen wieder über seinen Wissensvorsprung.


Portel.de: Herr Walf, herzlichen Dank für das anregende und sehr aufschlussreiche Gespräch und viel Erfolg bei der Durchsetzung Ihrer Breitband-Visionen.

GEORG STANOSSEK


*) Godehard Walf ist Leiter der Abteilung „Photonische Netze und Systeme“ am Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik, Heinrich-Hertz-Institut, Berlin, und in der ITG Mitglied des Fachauschusses 5.3 Optische Nachrichtentechnik.

 

 

ITG-Breitband-Kongress - 1./2. Oktober 2008 in Berlin

Die Informationstechnische Gesellschaft im VDE (ITG/VDE) hat für die Konferenz „Breitbandversorgung in Deutschland – mehr Bandbreite für alle?“ inzwischen das Programmheft vorgelegt. Es ist die 3. Konferenz zu diesem Thema mit Vorträgen von den betreffenden Ministerien, Betreibern, Herstellern und F&E-Einrichtungen.

Die zentralen Fragen lauten:
- Wie kann die Versorgung mit Breitbandanschlüssen im ländlichen Raum sichergestellt werden?
- Wächst FTTB / FTTH in Deutschland zu langsam, um erforderliche höhere Bandbreiten von 100 Mbit/s und mehr in Zukunft für alle anbieten zu können?

Ziel der Konferenz ist es, ein Forum sowohl für politisch-regulatorische als auch technische und wirtschaftliche Fragen im Bereich der Breitbandversorgung anzubieten. Die Tagung möchte strategische Planer aus den Bereichen Politik, Kommunen, Versorger und Netzbetreiber ansprechen. Produktplaner aus Industrie und F&E-Einrichtungen werden über neue Technologieentwicklungen und Trends informiert.

Veranstalter
ITG Informationstechnische Gesellschaft im VDE - www.vde.com/itg
ITG Fachausschuss FA 5.2 - „Kommunikationsnetze und -systeme“
ITG Fachgruppe FG 5.2.5 - „Access- and Home-Networks“

Wissenschaftliche Tagungsleitung
Walter Tengler
, Nokia Siemens Networks, München
Mail: walter.tengler(at)NSN.com 

Lokale Organisation
Godehard Walf
, Fraunhofer Institut für Nachrichtentechnik,
Heinrich-Hertz-Institut, Berlin
Mail: walf(at)hhi.fraunhofer.de


Programmausschuss
Andreas Bluschke
, Teleconnect
Wolfgang Endemann, Universität Dortmund
Nikolaus Gieschen, T-Systems
Wolfgang Kluge, Ericsson
Rudi Knorr, Fraunhofer ESK
Klaus-Dieter Langer, Fraunhofer HHI
Thomas Pfeiffer, Alcatel-Lucent
Karlheinz Ronge, Fraunhofer IIS
Joachim Speidel, Universität Stuttgart
Walter Tengler, Nokia Siemens Networks
Ralph Urbansky, Universität Kaiserslautern
Godehard Walf, Fraunhofer HHI
Johann Wurzenberger, W-Consulting
Markus Zeller, Fraunhofer ESK

Das vollständige Programm findet sich zum Download unten.

 

Dateien:
ITG-Breitbandkongress2008_Berlin_01.pdf

Nachricht eingestellt: 19.09.2008 - 06:00

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